Die Posthalterei
Wie an anderer Stelle bereits vermeldet, war Gleidingen Poststation zwischen
Hannover und Hildesheim. Noch heute erinnert das Wohhaus der Familie Hahne
in der Hildesheimer Str. 558 an die früher dort untergebrachte Posthalterei.
Baufachleute und interessierte Passanten erkennen an den Maßen, Proportionen
und dem Baustil, dass das 1810 erbaute Haus von dem damaligen Hofbaumeister
Laves entworfen worden ist.
Zu dem sogenannten Posthof gehörte noch ein kleines Fachwerkhaus, das
gegnüber der nördlichen Hofeinfahrt auf dem ebenfalls dazugehörenden Grundstück
stand, das heute zur Gärtnerei Prelle gehört. Das kleine Haus war vermutlich
zunächst die Privatwohnung des jeweiligen Posthalters, jedenfalls hat der
frühere Posthalter Petersen bis 1866 darin gewohnt. Danach baute er sich auf
dem größeren Grundstück ein herrschaftliches Wohnhaus, in dem heute Familie
Prelle wohnt. Das kleine Fachwerkhaus steht ebenfalls noch an der Hildesheimer Str.
und trägt die Hausnummer 587.
Zum Posthof gehörte auch ein Halbmeierhof, dessen Stallungen und Wirtschaftsgebäude
im offenen Viereck hinter dem heutigen Hahneschen Wohnhaus standen. Dieser Hof
trug in den alten Verzeichnissen die Hofnummer 5. Heute steht vom Posthof nur
noch der alte, um 1600 erbaute Pferdestall an der Südseite des Grundstücks mit
dem über die ganze Länge verlaufenden Haferboden. Die früher daran anschließende
große Scheune ist bei einem Bombenangriff am 22.9.1943 abgebrannt, jedoch sind
die Grundmauersandsteine heute noch im Pflaster zu erkennen. Alle anderen
Wirtschaftsgebäude sind zwischen 1900 und 1935 neu gebaut worden und stehen auf
den Fundamenten der alten Posthofgebäude. Nachdem 1852 bis 1860 die Eisenbahn
gebaut und das Königreich Hannover 1866 von Preußen annektiert worden war,
verlor die Posthalterei mit ihren Pferdekutschen an Bedeutung. Schließlich
schlossen die Preußen die Poststation in Gleidingen und verkauften etwa 1890
Hof und Gebäude. Die Häuser und Grundstücke gegenüber kaufte der letzte Posthalter
Petersen. Den Posthof selbst erwarb Julius Hahne, der zuvor den Hahnen- Hennischen
Hof in Lühnde verkauft hatte, und dazu den elterlichen Hof Nr.2 übernahm, der
nachweislich seit 1515, wahrscheinlich aber noch länger von der Familie Hahne
bewirtschaftet wird. Bis zum Jahre 1921 war auch das Büro des Gemeindevorstehers
in der alten Posthalterei untergebracht. Es lag an der Südseite des Hauses am inneren
Kreuzgang. Die Gemeindeverwaltung bestand damals aus dem Vorsteher, einem
Gemeindeboten, der gleichzeitig Fleischbeschauer war, und einem Nachtwächter.
Dazu trat der von der Bevölkerung gewählte, ehrenamtlich tätige Gemeinderat.
Schon die alten Römer kannten die Pferdepost und über die Thurn- und Taxis- Post
ist sicher auch einiges bekannt. Auch über die Postkutschenromantik, "Gelbe Wagen"
und "Trari- Trara, die Post ist da" hat sicher auch schon jedermann gehört und
gelesen. Posthöfe gab es über das ganze Land verstreut, meist waren sie mit
einer kleinen Gastwirtschaft und Landwirtschaft verbunden. Sie boten den Reisenden
und Postfahrern Speise und Trank, Übernachtungsgelegenheit und Ausspann, also
Stallung und Futter für die Pferde, gelegentlich auch Tauschpferde. Sie dienten
nicht nur der Postzustellung, sie ermöglichten vielmehr auch die Oberlandreisen
über längere Strecken mit den Postkutschen, deren Tagesleistung nur 30 bis 40 km
betrug.
Eine Königliche Posthalterei gab es außer in Gleidingen nur noch eine, die nördlich
von Hannover etwa bei Neustadt am Rübenberge lag. Beide waren königliches
Reisequartier und Außenstelle des Königlichen Marstalles.
Wenn der König oder Mitglieder der königlichen Familie oder seine Minister in den
südlichen Teil ihrer Lande fuhren, spannte man für Strecke durch die Landeshauptstadt
bis zur Posthalterei Gleidingen Paradepferde ein, die dann beim Frühstück in
Gleidingen gegen andere gewöhnliche Pferde umgetauscht wurden. Die königlichen
Postkutschen wurden vierspännig gefahren und von drei bis vier Reitern begleitet.
Bis Gleidingen nahm man nur die sogenannten Isabellen, das waren semmelblonde
Pferde mit weißem Schwanz und weißer Mähne. Wenn der König selber reiste, mussten
die Pferde auch noch weiß gestiefelt sein. Diese Isabellen waren sehr seltene
Mutationen und stellten selbst im Pferdeland Hannover eine große Kostbarkeit dar.
Während der weitern Reise übernachtete man auf Adelssitzen und wechselte dort
auch die Pferde. Durch Meldereiter wurde die Ankunft jeweils vorher angemeldet.
Auf dem Rückweg verfuhr man ebenso und damit kam jedes Pferd wieder in seinen
Heimatstall.
Weil beim Reisen mit Pferden und Kutschen immer Unvorhergesehenes passieren
konnte, waren keine genauen Reisezeiten (Fahrplan) und man kam der Rückreise
zu unterschiedlichen Zeiten in Gleidingen an. In der Posthalterei wurde dann
gespeist und übernachtet und am folgenden Morgen ging es dann um 7 oder 8 Uhr
weiter. Dann wurden wieder die Paradepferde eingespannt und der Meldereiter
ritt eine Stunde vorweg ab. Gegen 10 und 11 Uhr war dann der prachtvolle
Einzug in Herrenhausen.
Man kann sich heute die Begeisterung der Bevölkerung über die schönen Pferde
des Königlichen Marstalles nicht mehr vorstellen, aber der alte Sattlermeister
Fierke, der Anfang des 20 Jahrhunderts in dem bereits erwähnten kleinen
Fachwerkhaus wohnte und es damals noch mit eigenen Augen gesehen hatte,
wurde nicht müde zu erzählen, dass jeder Niedersachse zu jener Zeit für
schöne Pferde zu begeistern war. Er meinte dann immer, mit den Autos seien
doch ziemlich blechernde Zeiten angebrochen. Die Menschen hätten das Empfinden
für jeden Lebensstil und Schönheit verloren. Er konnte auch erzählen, in
welchem Zimmer der König immer übernachtet hatte und für wen die anderen
Zimmer bereit standen.
In der Posthalterei standen etwa 20 Pferde, 12 Wechselpferde der Post und
8 Pferde vom Marstall; die Pfleger und Fahrer dazu waren unterzubringen und
zu verpflegen. Die Landwirtschaft des Posthofes diente nur der Eigenversorgung
und Hafer und Heu wurde mehr verbraucht, als selbst erzeugt werden konnte.
Die Küche musste jederzeit anspruchsvolle Gäste bewirten können, deshalb
mussten Milch, Eier, Fleisch und frisches Brot und Gemüse immer bereit sein -
und das zu einer Zeit, als es noch keine Tiefkühltruhen und Kühlschränke gab
und noch auf dem Holzfeuerherd gekocht wurde. Konserven im heutigen Sinne gab
es noch nicht. Alle Bediensteten in der Posthalterei mussten äußerst tüchtig
sein, sonst hätten sie ihre Aufgaben nicht erfüllen können. Auf dem Posthofe
gab es drei Brunnen, aus denen ein hartes würziges Wasser gefördert wurde.
Zum Kühlhalten gab es einen großen Gewölbekeller unter dem Haus.
Das Gemüse für die Posthalterei wurde auf dem Grundstück der heutigen Gärtnerei
Prelle erzeugt. Kohl, Steckrüben, Möhren, Rote Rüben usw. wurden eingemietet.
Kartoffeln, Äpfel, Sauerkraut und Pökelfleisch wurden in Kellern aufbewahrt.
Die sanitären Einrichtungen entsprachen dem Stande der Zeit. Die Toiletten
befanden sich in einem Nebengebäude. Für die königlichen Gäste war eine
Gelegenheit im ersten Stock eingerichtet, von wo ein schornsteinartiger Schacht
5 Meter tief in eine Grube hinter dem Haus führte. Auf den Waschtischen standen
Schalen, Wasserkannen und Karaffen, auch eine einfache Badestube stand zur
Verfügung Ständig wurden junge Mädchen in Hauswirtschaft ausgebildet - sie
werden sicherlich tüchtige Hausfrauen geworden sein.
Von der Posthalterei führten direkte Postwege zu den Ämtern in Ruthe und
Koldingen. Der "Ruther Kirchweg" genannte Weg besteht in Teilen noch heute.
Der Postweg nach Koldingen führte von der jetzigen Straße "Zum Anger" zur
Koldinger Brücke und ist inzwischen im Kiessee untergegangen.
Text aus 1000 Gleidingen
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