Die totale Erfassung und Gleichschaltung der Bevölkerung durch den
Nationalsozialismus ging auch an Gleidingen nicht spurlos vorbei.
Die NSDAP beeinflusste alle Bereiche des täglichen Lebens. Stellten
sich mutige Leute oder Einrichtungen entgegen, wurde der Widerstand
durch Drohungen oder Repressalien und - wenn dies nicht ausreichte -
durch Inhaftierung der verantwortlichen Personen gebrochen.
Hans-Heinrich Keller gibt in seiner Schrift "Gleidingen - ein Ort
während des Dritten Reichs" folgenden Bericht seinen Vaters wieder, der
in einprägsamer Weise beschreibt, mit welchen Methoden die damaligen
Machthaber die Mensche, insbesondere die Jugend, formten und manipulierten:
" Mein Vater, der Jahrgang 1930 ist, berichtet mir von seinen Erlebnissen
im Jugendvolk:
Außer dem zweimal in der Woche stattfindenden Pflichtdienst, mittwochs
und sonnabends, wurden wir für alle möglichen Einsätze herangezogen.
Ich erinnere mich z.B. daran, dass wir im Winter 1941/42- als der
Russlandfeldzug in Schnee und Eis erstarrte - zur Sammlung warmer
Winterkleidung bei der hiesigen Bevölkerung für die in Russland kämpfenden
Soldaten aufgefordert wurden. Veranlassung dazu war der plötzliche
starke Kälteeinbruch im Dezember 1941, bis minus 50 Grad, mit dem niemand
gerechnet hatte. Die Wehrmacht war mit Sommerbekleidung in den Feldzug
gegangen in der festen Überzeugung, den Krieg in Russland bis zum
Einbruch des Winters beenden zu können.
Durch die verschärfte Kriegsführung wurden wir mehr und mehr zu Einsätzen
herangezogen, wie z.B. nach Bombenangriffen für die Betreuung der
ausgebombten Mitbürger. Nach schweren Angriffen wurden dann oft
Feldküchen aufgestellt, die für einen warme Mahlzeit sorgten. Dabei
mussten wir dann mithelfen.
Als 1943 der "Totale Krieg " verkündet wurde, mussten wir häufig zum
Einsatz in die Landwirtschaft. Wir haben beim Einbringen der Ernte
geholfen und Arbeiten verrichtet, die früher von den inzwischen zum
Kriegsdienst einberufenen Männern geleistet wurden. Sehr intensiv
wurde das Sammeln von Heilkräutern betrieben. Lindenblüten, Schafgabe,
Huflattich und viele andere bei uns wachsende Kräuter mussten gesammelt,
getrocknet und abgeliefert werden. Diese Kräuter fanden, wie man uns
damals sagte, als Tee in Lazaretten und Krankenhäusern Verwendung.
Diese Sammlungen wurden sehr streng registriert. Wir bekamen die Auflage,
eine bestimmte Menge abzuliefern und wurden getadelt, wenn dies nicht
wie gewünscht erfolgte. Selbst die Zeugniszensuren wurden danach bewertet,
wie fleißig oder nicht man gesammelt hatte.
In der Gleidinger Schule wurden auch Seidenraupen gezüchtet, die für
die Herstellung von Fallschirmseide kriegswichtig waren. Es gab eine
bestimmte Heckensorte, die für die Fütterung der Seidenraupen in Frage
kam. Im Wechsel mussten Schüler das Füttern der Raupen übernehmen und
waren für das Gedeihen dieser Tierchen voll verantwortlich. Neben all
diesen kriegswichtigen Einsätzen wurden wir ideologisch geschult. Als
unser großes Vorbild wurde immer der "Führer" hingestellt, der sich
inzwischen auch zu einem "genialen Feldherrn" entwickelt hatte. Den
Lebenslauf des Führers sowie die Zielke der NSDAP mussten wir auf
Befragung auswendig daher sagen können. Hochdekorierte Jagdflieger,
Generale wie Rommel und U- Boot- Helden waren für uns die Leitbilder
der damaligen Zeit.
Hinzu kam noch, dass wir auch vormilitärisch gedrillt wurden. Exerzieren,
marschieren mit Gesang, Geländespiele und vieles mehr. Die Organisation
dieses totalitären Regimes war so perfekt und gefestigt, dass wir noch
wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner in Gleidingen am 9.4.1945
unseren normalen Dienst abhielten und so taten, als ob das "Dritte Reich"
wirklich für 1000 Jahre Bestand hätte. Etwas ältere Hitlerjungen haben in
ihrem Fanatismus mit dem Karabiner gegen die amerikanischen
Panzer zu kämpfen versucht. Einige ältere Einwohner, die Sinnlosigkeit
ihres Tun erkannten, brachten die Jungen auf ihre Weise zur Vernunft.
Text aus 1000 Gleidingen
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